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eumom.com arbeitet ständig mit den besten Ärzten, Ärztinnen
und Hebammen Europas zusammen, um Ihnen aktuelle medizinische Informationen
aus der täglichen Praxis zu bieten. Deshalb interviewen wir regelmäßig
und exklusiv Spezialisten zu den wichtigen Fragen rund um Schwangerschaft
und Geburt. Und das Beste: Unsere neue Serie "Fünf Fragen an..."
mit eumom-Exklusivinterviews wird ständig erweitert!
Fünf Fragen an PD. Dr. Daniel V. Surbek, Basel
Stichwort: Nabelschnurblut.
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PD Dr. D.V. Surbek ist leitender Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik
Basel und leitet das Forschungsprojekt Nabelschnurblut / Stammzellen.
Er war zusammen mit Prof. Holzgreve und Prof. Tichelli massgeblich
am Aufbau der Basler Nabelschnurblutbank - der ersten in der Schweiz
-beteiligt.
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Eumom: Dr. Surbek: Blut, das direkt nach der Geburt eines
Kindes aus der Nabelschnur gewonnen wird, hat ganz besondere Eigenschaften.
Welche?
PD Dr. Surbek: Dieses sogenannte Nabelschnurblut ist reich
an blutbildenden Stammzellen. Diese Zellen sind befähigt, sich in
die verschiedenen Arten von Blutzellen und Abwehrzellen des Immunsystems
zu entwickeln; gleichzeitig können sie sich fast beliebig selbst
vermehren. Aufgrund dieser Eigenschaften können blutbildende Stammzellen
(aus Knochenmark oder aus Nabelschnurblut) in einen anderen Organismus
transplantiert werden, wo sie das blutbildende System und das Immunsystem
wieder aufbauen, z.B. nach Chemotherapie und Bestrahlung zur Behandlung
einer Leukämie.
Während der Schwangerschaft befinden sich diese Stammzellen hauptsächlich
noch in der kindlichen Leber, wo die Blutbildung zunächst stattfindet.
Erst gegen Ende der Schwangerschaft wandern die blutbildenden Stammzellen
von der Leber über den Blutkreislauf in das Knochenmark des Kindes,
wo sie sich einnisten. Das Knochenmark bleibt danach (auch beim Erwachsenen)
das Hauptorgan der Blutbildung. Diese Stammzellwanderung von der Leber
ins Knochenmark ist der Grund dafür, dass sich zum Zeitpunkt der
Geburt eine grosse Menge dieser Zellen im Nabelschnurblut findet.
Eumom: Was sind die Vorteile von Stammzellen aus Nabelschnurblut
im Vergleich zu Stammzellen aus dem Knochenmark ?
PD Dr. Surbek: Die Verwendung von Nabelschnurblut als Quelle blutbildender
Stammzellen hat gegenüber dem Knochenmark mehrere Vorteile:
Nabelschnurblut kann nach der Geburt und nach Abnabelung schmerzfrei und
ohne Risiko für Mutter und Kind gewonnen werden, dies im Gegensatz
zu der Knochenmarksentnahme, welche in der Regel in Narkose durchgeführt
wird und zu Komplikationen führen kann. Nach Überprüfung
von Qualität, Keimfreiheit und Gewebstyp des Nabelschnurblutes kann
dieses tiefgefroren und in flüssigem Stickstoff bei -197° Celsius
über Jahre gelagert werden.
Ein weiterer sehr wichtiger Vorteil besteht darin, dass Abstossungsreaktionen,
insbesondere die "Abwehr" gegen Zellen und Gewebe des Empfängers
durch immunologisch aktive Zellen des Spenders im Transplantat (sogenannte
"Graft-versus-Host Krankheit"), bei Nabelschnurblut im Gegensatz
zu Knochenmark seltener und in geringerem Schweregrad vorkommen, weil
die Zellen im Nabelschnurblut noch unreifer und somit weniger befähigt
sind, eine solche Abwehrreaktion auszulösen.
Die Anzahl potentieller Spender ist fast unbegrenzt gross; insbesondere
können auch Bevölkerungsgruppen mit seltenen Gewebstypen, welche
in Knochenmarksspenderegistern untervertreten sind, als Spender eingeschlossen
werden. Dies ist besonders wichtig, da heute weniger als die Hälfte
aller Patienten einen Stammzellspender mit verträglichem Gewebstyp
haben.
Letztendlich spielt auch der zeitliche Faktor eine Rolle zugunsten von
Nabelschnurblut: Bei der Knochenmarkstransplantation von einem Fremdspender
entsteht in der Regel eine erhebliche zeitliche Verzögerung (Wochen
bis Monate), bis die Suche, die Vorabklärungen und die eigentliche
Knochenmarksspende abgelaufen sind. Im Gegensatz dazu ist das Nabelschnurblut-Transplantat
aus einer Nabelschnurblutbank jederzeit abrufbar und steht dann für
eine Transplantation bereit.
Eumom: Was ist der wichtigste Nachteil von Nabelschnurblut?
PD Dr. Surbek: Ein wesentlicher Nachteil von Nabelschnurblut ist
die begrenzte Menge Stammzellen, welche für die Transplantation zur
Verfügung stehen. Oftmals reicht eine Nabelschnurblutspende nur für
ein Kind und nicht für einen Erwachsenen aus. Aus diesem Grunde sind
heute biotechnologische Verfahren in Entwicklung, mit denen die Stammzellen
aus Nabelschnurblut vermehrt werden können.
Des weiteren benötigen die Stammzellen aus Nabelschnurblut etwas
länger als diejenigen aus Knochenmark, um nach einer Transplantation
die notwendigen Blutzellen im Blut des Patienten wieder zur Verfügung
zu stellen.
Eumom:
Inzwischen gibt es zahlreiche Nabelschnurblutbanken in den USA, in Europa
und Asien. Dort werden drei verschiedene Arten von Nabelschnurblutspenden
aufgehoben: Erstens Spenden für ein erkranktes Familienmitglied,
zweitens anonyme Spenden für den Bedarf eines Fremden und drittens
sogenannte autologe Spenden, die für das Kind und seine Familienmitglieder
quasi als "Lebensversicherung" bei bestimmten möglichen
Erkrankungen in der Zukunft angelegt werden. Diese Praxis wird auch "private
banking" genannt und ist umstritten. Warum?
PD Dr. Surbek: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Nabelschnurblut-Stammzellen
von autologen Spenden ("private banking") für den Spender
je verwendet werden, ist extrem gering, insbesondere weil Erkrankungen
wie Leukämie - welche mit Stammzelltransplantationen geheilt werden
können - sehr selten sind. Von den vielen 10'000 eingelagerten autologen
Nabelschnurblutproben ("private banking") wurden bisher erst
in einem oder zwei Fällen Stammzellen dem Spender selbst transplantiert.
Im Vergleich dazu wurden in den letzten zehn Jahren bereits weit über
1000 Stammzelltransplantationen von anonymen Nabelschnurblut-Spenden und
von gerichteten, für ein erkranktes Familienmitglied bestimmte Spenden
transplantiert, mit sehr guten Erfolgen; dieses Verfahren gilt deshalb
zusehends als anerkannt und etabliert.
Die Kosten der Einlagerung von autologem Nabelschnurblut sind relativ
hoch - zwischen CHF 1000.- und 2000.-. Diese sogenannte "Lebensversicherung"
hat demnach ein denkbar ungünstiges Kosten - Nutzen - Verhältnis,
was auch vor dem Hintergrund zunehmend eingeschränkter Ressourcen
im Gesundheitswesen angesehen werden muss. Ob das"private banking"
aus medizinischer, gesundheitspolitischer und ethischer Sicht sinnvoll
ist, wird aus diesen Gründen angezweifelt.
Allerdings existieren bis anhin keine wissenschaftlichen Untersuchungen
zur Thematik "private banking", weshalb vorerst offen bleibt,
wie gross (oder wie klein) der effektive Nutzen ist. Hinzu kommt, dass
die Forschung im Bereich von Stammzellen zur Zeit enorme Fortschritte
erlebt. Es gibt neue Hinweise dafür, dass die Stammzellen aus Nabelschnurblut
möglicherweise auch andere Gewebe regenerieren können, wie z.B.
Hirnzellen, Herzmuskelzellen oder insulinproduzierende Zellen. Sollte
sich dies in der Zukunft bestätigen, so wäre es absolut denkbar,
dass der Nutzen des "private bankings" von Nabelschnurblut in
Zukunft stark zunimmt, da diese Stammzellen dann auch für die Behandlung
von vielen anderen Erkrankungen wie Alzheimer, Herzinfarkt oder Diabetes
eingesetzt werden könnten. Dies bleibt jedoch vorerst Spekulation.
Eumom: Wie ist denn die aktuelle Situation in der Schweiz?
PD. Dr. Surbek: In der Schweiz wurde vor fünf Jahren die Arbeitsgruppe
SWISSCORD gegründet. Ziel von SWISSCORD ist es unter anderem, die
öffentlichen Nabelschnurblutbanken in der Schweiz zu koordinieren
und deren langfristige Finanzierung zu erreichen. Als erste wurde die
Basler Nabelschnurblutbank erstellt, dies mit Hilfe der Stiftung Basler
Nabelschnurblutprojekt (siehe auch http://www.swisscordblood.ch).
Die Bank ist heute funktionstüchtig, und es sind bereits mehrere
hundert Proben eingelagert und im internationalen Register abrufbar. Neu
ist auch das Universitätsspital Genf daran, eine Bank aufzubauen.
Im Bereich des "private banking" war es bis anhin in der Schweiz
noch nicht möglich, Nabelschnurblut für das eigene Kind einzulagern;
im Gegensatz zu Deutschland, wo dies bereits seit einigen Jahren möglich
ist. Erst seit jüngster Zeit treten nun auch Firmen in der Schweiz
mit dem Angebot des "private banking" auf.
Eumom: Was raten Sie persönlich Schwangeren und ihren Partnern?
Sollen Sie das Nabelschnurblut ihres Neugeborenen entnehmen und bei einer
Nabelschnurblutbank einfrieren lassen?
PD. Dr. Surbek: Wie oben erwähnt scheint das "private
banking" zum jetzigen Zeitpunkt und Wissensstand nur fraglichen Nutzen
zu bringen; offen bleibt, wie sich dies in Zukunft entwickelt. Auch wenn
werdende Eltern nur das Beste für ihr Kind tun wollen, sollten sie
sich dieser Tatsachen bewusst sein, bevor sie eine Entscheidung treffen.
Die Fragen stellte Anja Würzberg.
AW/AS 02/02
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